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Fast zehn Jahre liegt mein letzter Besuch im Weserstadion zurück, das war noch vor dem letzten Umbau, dem das Stadion seine heutige Gestalt verdankt. Besonders Gästefans dürfen seitdem die Früchte einer architektonischen Meisterleistung auskosten: Die Westkurve ist näher an das Spielfeld herangerückt, während gleichzeitig der Abstand des Gästeblocks zum Platz mindestens gleich geblieben ist. Genialer Schachzug: Wenn man schon gegnerische Anhänger ins Stadion lassen muss, dann sollen die wenigstens für die Fernsehzuschauer unsichtbar bleiben – einmal wie im Bernabeu fühlen.

Für die bauliche Gestaltung des Gästeblocks wurde offenbar die Devise „Keine Experimente!“ ausgegeben. Wohin das Auge blickt, sorgen Gitter und Netze für ein kuscheliges Wohlfühlklima, das mit jedem weiteren eintretenden Besucher von Minute zu Minute stärker wird, Assoziationen zum Bremer Trikotsponsor lassen sich nicht vermeiden. Wer mag da wen inspiriert haben? Es wird wirklich verdammt eng, je näher der Anstoß rückt, umso mehr beschleicht einen das Gefühl, dass deutlich mehr Gästekarten verkauft worden sind, als Hühner – Verzeihung: Menschen – in den Käfig passen. Die spontane Öffnung eines benachbarten Blockes im eigentlichen Heimbereich der Westkurve untermauert diese These.

Bevor das hier jetzt aber in nihilistisches Fundamentalgemecker ausufert, soll es natürlich auch Lob geben, wo dies angebracht ist. Erfreulicherweise gibt es keine Lärmbelästigung über die Stadionlautsprecher, trotz akustisch vorteilhafter leerer Ränge beiderseits des Gästebereiches. Der Haken an der Sache ist allerdings, dass später auch die Durchsagen des Stadionsprechers nicht zu verstehen sind.

Der Umzug von Platz 11 ins große Stadion hat noch einen weiteren positiven Aspekt: Wenn man nicht gerade in den oberen Reihen Platz gefunden hat, wo die Rückseite der Anzeigetafel und mehrere Dachpfeiler das Sichtfeld mächtig einschränken, lässt sich das Geschehen auf dem grünen Rasen recht gut verfolgen – jedenfalls theoretisch. Praktisch ist dem immer wieder das beeindruckende Fahnenmeer im Wege, das den Gästeblock schon zum Einlaufen der Mannschaften in den Landesfarben Mecklenburg-Vorpommerns erstrahlen lässt.

Bereits die Anreise des Hansa-Anhangs sorgte für optische und akustische Präsenz unseres Bundeslandes. Zahlreiche Fans hatten sich an einer Autobahnraststätte vor den Toren des Stadtstaates getroffen, um von dort aus gemeinsam die letzten etwa 30 Kilometer bis zur Einnahme des Weserstadions zu absolvieren. Blau-weiß-rote Fahnen im Fahrtwind und ein mehrstimmiges Hupkonzert verbreiteten fast eine halbe Stunde lang am Osterdeich und in der Umgebung nur eine Botschaft: Die Rostocker sind da!

Da die Fanszene einen nahezu unerschöpflichen Vorrat an Fahnen dabei hat, kann tatsächlich fast jeder Hansafan sich entsprechend versorgen, was dann im Stadion für ein faszinierendes Bild in der Rostocker Kurve und, untermalt mit einem lautstarken „Hansa forever“, für den ersten Gänsehautmoment des Tages sorgt.

Es wird ein supporttechnisch starker Rostocker Auftritt, was gerade bei fehlender Gegenwehr auf den Rängen nicht selbstverständlich ist. Dafür beflügelt die hervorragende Akustik unter dem Stadiondach (hier haben wir nochmal einen Vorzug dieses Gästeblocks) die drei- bis viertausend Hanseaten immer wieder zu lautstarken, oft brachialen Gesängen. Großartig das „Steht auf ...“, bei dem sich auch auf der Haupttribüne gefühlt die Hälfte des Publikums erhebt, gefolgt von einem intensiven Wechselgesang quer durch das Stadion. Auch eine kleine Diss-Einlage darf nicht fehlen, bei der neben den Bremern auch zwei unbedeutenden Hamburger Vereinen die Ehre der Erwähnung zuteil wird, in erster Linie steht aber das Feiern der eigenen Farben im Fokus.

Auf den Rängen also eine (naturgemäß) klare Angelegenheit, plätschert das Spielgeschehen auf dem Platz doch recht zäh hin und her – jedenfalls der Teil, den ich durch die vielen Fahnen hindurch erkennen kann. Leichtes Chancenplus für Hansa, wobei in der ersten Halbzeit beide je einmal Pfosten bzw. Latte treffen, ansonsten für mich mehr oder weniger ein klassisches 0:0-Spiel.

Die zweite Halbzeit hält dann doch noch ein paar Aufreger bereit, beispielsweise eine orientierungslose Taube, die mehrere Minuten lang die Lufthoheit in der Hansa-Hälfte beansprucht. Trotz dieser offenkundig mangelhaften Arbeit des Ordnungsdienstes, der nichts gegen den ungewöhnlichen Flitzer unternimmt, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen, was sich als richtig erweist, denn der Vogel verliert irgendwann doch das Interesse und verzieht sich wieder.

Ein weiterer gefiederter Freund findet sich kurze Zeit später in Form einer Schwalbe im Rostocker Strafraum ein. Während die Bremer Spieler im eigenen Stadion diesmal deutlich weniger Probleme mit der Schwerkraft haben als beim Hinspiel im Ostseestadion, erinnert sich ihr Kapitän fünf Minuten vor Schluss doch noch der bewährten Taktik und setzt zum Rundflug im Strafraum an. Verdienter Lohn ist diesmal aber kein Elfmeter, sondern die gelbe Karte – seine zweite im Spiel und somit gelb/rot. Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund.

Zweimal steuern Hansaspieler im zweiten Durchgang auf das verwaiste Tor zu, haben aber leider nicht die Courage, es einfach mal aus größerer Entfernung zu versuchen. Letztlich gelingen trotzdem irgendwie die beiden Tore, mit denen Andrist (49.) und Quiring (90.) dafür sorgen, dass die richtige Mannschaft mit drei Punkten im Gepäck den Heimweg antreten darf.

Somit geht der Ausflug nach Bremen als rundum gelungen in die Geschichte ein, Anreise, Stimmung im Block und triumphale Heimfahrt erinnern an vergangene, sportlich bessere Zeiten und schreien förmlich nach baldiger Wiederholung. Ich persönlich muss aber nicht unbedingt so schnell wieder dahin, es sei denn die Bremer stellen sich irgendwann mal mit ihrer ersten Mannschaft. Aber das wird wohl noch ein Weilchen dauern, den Grund dafür weiß ein albernes Sprichwort: Das Leben ist kein Wiesenhof. Oder so.

 

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