Wir sind spät dran mit unserer Betrachtung zum Spiel des F.C. Hansa Rostock gegen den 1. FC Magdeburg. Die Gründe hierfür sind in erster Linie organisatorischer Natur, nach wie vor betreiben wir diese Seite als Freizeitprojekt, was gerade bei Spielen in der Woche manchmal dazu führt, dass einfach die Zeit nicht ausreicht oder nach einem anstrengenden Tag im Job Motivation und Frische fehlen, um noch etwas Geistvolles zu „Papier“ zu bringen. Und nach den jüngsten Ereignissen im und rund um das Ostseestadion fällt es besonders schwer, diese einigermaßen ausgewogen zu betrachten und sich anhand der Masse an Information, Spekulation, Behauptungen, Halbwahrheiten, Lügen und Gerüchten ein möglichst genaues Bild zu verschaffen.

Da uns bei hansafans.de der vielzitierte Mut zur Lücke abgeht, soll die Liste unserer Spielberichte in dieser Saison möglichst vollständig sein, da darf die Begegnung mit dem FCM natürlich nicht fehlen. Halten wir es also mit Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“

Was – abgesehen von einem Fußballspiel der 3. Liga, Ergebnis 1:1 – ist eigentlich passiert? In chronologischer Reihenfolge:

Bei der Anreise nach Rostock wird der Sonderzug der Magdeburger Fans zweimal angegriffen, es sollen Steine und nicht näher bezeichnete Gegenstände geworfen worden sein, manche Medien schreiben von mit Farbe gefüllten Feuerlöschern(!). Der Schaden am Zug beläuft sich laut MDR auf 12.000 Euro, 40% davon sollen interessanterweise auf das Zug-Innere entfallen. Nichtsdestotrotz ist ein solcher Angriff eine schwere Straftat, man kann nur hoffen, dass die Beteiligten gefunden werden und sich vor Gericht verantworten müssen.

Eine Gruppe einschlägig interessierter Magdeburger Fans nutzt den Nachmittag zusammen mit Freunden vom BFC Dynamo (Sage mir, wer deine Freunde sind …) zum Sightseeing in Warnemünde. Ihre Ankunft später am Ostseestadion nutzen sie zu einem provozierenden Auftritt vor der Nordtribüne, der „Fototermin“ artet schnell aus, als die ungebetenen „Gäste“ auf dem Stadionvorplatz wahllos auf „normale“ Fans einprügeln. Sorry für den ziemlich dämlichen Ausdruck, aber mir fällt leider keine bessere Formulierung ein, es handelt sich jedenfalls weitestgehend um Besucher des Spiels, die im Gegensatz zu den „harten“ Bördejungs und ihren weinroten Kumpanen nicht an körperlicher Auseinandersetzung interessiert sind. Als die Polizei endlich am Ort des Geschehens erscheint, ist der Spuk schon fast vorüber, später ist noch von Personalienfeststellung und anschließender Begleitung der „Sportfreunde“ zum Gästeblock zu lesen. Interessante Taktik, wenn es denn so ist.

Zum Einlaufen der Mannschaften zeigen beide Fangruppen Choreographien, im Gästeblock werden zahlreiche blaue Fackeln entzündet (ein schöner Anblick übrigens), dazu gibt es Rauch und Blinker. Nebenan auf der Südtribüne steigt hinter einem Banner zum zehnjährigen Jubiläum der „Fanatics“ ebenfalls blauer und weißer Rauch empor. Der Rauch aus beiden Blöcken vermischt sich und legt sich über das Spielfeld, die immer schlechter werdende Sicht führt zu einer ersten Spielunterbrechung. Stadionsprecher „Struppi“ appelliert wiederholt an die Gästefans, doch bitte das Zünden zu unterlassen, und das auch noch, als die komplette Südtribüne schon qualmt wie ein Vulkan – eine sehr selektive Wahrnehmung, die später aber auch noch bei anderen Beteiligten festzustellen ist.

Als die Sicht wieder einigermaßen frei ist und das Spiel fortgesetzt wird, gehen im Gästeblock erneut Fackeln an, unten wird eine erbeutete Hansa-Fahne („Nordschwarzwald“?) präsentiert und verbrannt. Das ist das Signal für etwa 20 bis 30 Hansafans, den Trennzaun zum Pufferblock zu überwinden und zum Gästebereich zu stürmen. Es fliegen Silvesterraketen und Leuchtkugeln, die vom Dach des Gästeblockes nach unten abprallen. In Medienberichten, auch im Statement unseres Hauptsponsors wird später zu lesen sein, beide Seiten hätten sich mit „Leuchtspurmunition“ beschossen. Aus Maschinengewehren? Aber davon abgesehen, Rücksicht auf die Gesundheit der dicht gedrängt stehenden etwa 2000 Menschen und mögliche Lebensgefahr wird nicht genommen. Das Spiel wird erneut unterbrochen, Stadionsprecher „Struppi“ ermahnt nun beide Fanlager.

Nach etwa 20 Minuten geht es weiter. Eine ganze Weile wird jetzt tatsächlich Fußball gespielt. Nach dem 1:0 für Hansa, kurz nach Beginn der 2. Halbzeit, werden auf der Südtribüne erneut Bengalos gezündet. Das ist, angesichts des bisherigen Verlaufes, schon irgendwie originell. Ist der Ruf erst ruiniert, … Der über dem Spiel schwebende Abbruch rückt wieder ein Stück näher, wahrscheinlich haben wir einfach Glück, dass die mitgebrachten Raketen und Leuchtsignale schon aufgebraucht sind. Der Magdeburger Ausgleich löst dann keine weiteren unerwünschten Aktionen aus, immerhin. Nach dem Schlusspfiff verschwinden die Hansaspieler grußlos in Richtung Kabinen, die Magdeburger feiern ausgiebig mit ihrem Anhang den glücklichen Punkt, als wäre nichts geschehen – wohl ein kleiner Vorgriff auf das Statement ihres Vereinsvorstandes am Tag danach.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Mittwoch, der 23. September 2015, wird als Tag des Versagens im Gedächtnis bleiben:

Versagt hat die vielbeschworene „Selbstregulierung“ innerhalb der Fanszene des F.C. Hansa, wenn es sie denn überhaupt gegeben hat. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Geburtstagschoreo der Fanatics nur aus Rauch und Blinkern bestehen sollte, schafft es der organisierte Teil der Südtribüne nicht, die im Schutze des Nebels agierenden, mutmaßlichen Trittbrettfahrer am Einsatz ihrer Böller und Geschosse zu hindern. Ansagen der Vorsänger, in der zweiten Hälfte die Füße etwas still zu halten, gehen direkt durch die in den Köpfen befindliche Leere zu einem Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Was die Nutzung von Kameras oder Handys im Block angeht, klappt die Selbsterziehung jedenfalls deutlich besser. Einen Fortschritt gegenüber 2011 gibt es tatsächlich: Die Raketen in den Gästeblock werden nicht mehr vom restlichen Stadion bejubelt.

Versagt hat der Ordnungsdienst, haben die eingesetzten Sicherheitskräfte. Irgendwie muss das ganze Zeug ja ins Stadion gelangt sein, und das, obwohl laut Verein der Ordnerbestand um 40% erhöht war und sogar Sprengstoffhunde zum Einsatz kamen. Die kleinen Schnüffler hatten wahrscheinlich Schnupfen. Dass bei einem Einsatz von angeblich 1300 Polizisten eine große Gruppe auswärtiger Fans unbehelligt in der Stadt herumzieht und sich dann vor dem Stadion nach Herzenslust austoben darf, muss man auch nicht verstehen. Wenn ich mich nicht irre, sollte gerade das mit den geschlossenen Tageskassen verhindert werden.

Ein paar Worte zu den Gästen: Es war schön, den Block mal wieder gefüllt zu sehen, der solide Support konnte sich über weite Strecken sehen und vor allem hören lassen. Einige von ihnen haben sich sogar vor dem Spiel schon gut geschlagen. Im Ernst: die Magdeburger und ihre Berliner Freunde haben nichts getan, was es nicht auch schon bei Hansaspielen anderswo oder auch bei anderen Vereinen gegeben hat. Ein Verein, der sich am Tag nach solchen Vorfällen in einer offiziellen Erklärung stolz auf seine Fans zeigt, ist dann doch mal eine neue Qualität.

Der F.C. Hansa hat nun im Vorgriff auf zu erwartende Sanktionen schon einmal die Südtribüne geschlossen, zunächst für das nächste Heimspiel gegen Dynamo Dresden. Vom anfangs kolportierten, ersatzlosen Verfall der bereits erworbenen Eintrittskarten wurde schnell Abstand genommen. Fakt ist, egal was kommt, es muss eine Lösung gefunden werden, die eine Supportertribüne mit ausreichendem Abstand zum Gästeblock einschließt. Dass die derzeitige Lösung der benachbarten Blöcke nicht funktioniert, haben wir nun wiederholt erleben müssen, die oft zitierte Selbstregulierung bleibt wohl ein romantischer Traum, der der Realität nicht standhält. Schade drum.