Zeitreise. Vor einigen Jahren, es war der 06. Dezember 2014, Nikolaustag. Unser ehemalige Profi-FC Hansa Rostock, aktuell im Tabellenmittelfeld der Landesliga MV Nord, vergeigte damals wieder einmal ohne kaum vernehmbare Gegenwehr ein Heimspiel in der Dritten Liga. An diesem Tag war Preußen Münster der Bessere. Was waren wir sauer und wütend, traurig und leer. Mittlerweile, im Nachhinein, kam es auch irgendwie einer schleichenden Erlösung gleich.

Denken wir vielleicht so oder so ähnlich in ein paar Jahren? Möglich, gut möglich. Was der Verein und seine Protagonisten uns in den letzten Monaten und Jahren zugemutet haben, überschritt und überschreitet die Grenze des Zumutbaren. Es werden ja oft medizinische Metaphern herangezogen, aufgrund unserer finanziellen Schieflage haben wir ein unbefristetes Abo für die Intensivstation. Nun kommt noch arg akut die fehlende spielerische Klasse und Linie hinzu, mit Hang zum chronischen. Leistung kommt von leisten. Nicht vorhanden. Wir stehen völlig zu Recht auf dem vorletzten Platz in Liga 3. Das Ärzteteam Dahlmann, Vollmann, Klein versuchen noch die eine oder andere Behandlungsmethode aus, nichts unversucht lassen heißt die Devise. Mein Gefühl sagt mir jedoch, dass Hansa die Rolle des Edward Cole in "Das Beste kommt zum Schluss" eingenommen hat. Das drohende Ende des Vereins rückt Saison für Saison, Spieltag für Spieltag näher. Die Aktionen seitens der Fans, die ihresgleichen suchen und zeigen welch einzigartige Familie wir doch eigentlich sind, wie die Finanzierung des Kunstrasenplatzes und das Verschenken vieler Eintrittskarten für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, sind quasi der Fallschirmsprung oder die Cheops-Pyramide im Abendlicht. Nochmal das Beste machen was wir können.

Das heutige Spiel war sinnbildlich für unsere Lage. Jede Fahrt nach Rostock wird trostloser, an den Stadionkassen kann sich mittlerweile jeder sein Fenster aussuchen. Warteschlangen sind ja so Neunziger. Und A-Jugend. Der Blick auf die Ränge zu Spielbeginn ist schmerzlicher als das letzte Drittel einer jeden Wurzelbehandlung, bei der die Betäubungsspritze ihre Wirkung verliert. Nur noch 5.600. Vor nicht all zu langer Zeit war das Stadion eine Stunde vor Anpfiff mehr gefüllt. Der Kick ist schnell erzählt: keine Impulse nach vorne und der Gegner braucht nur zwei Chancen für einen 0:2-Auswärtssieg. Das erste Ei legte man sich quasi selbst ins Nest, beim zweiten nahm die Defensive ihre Handykamera zur Hand, um den schönen Schlenzer festzuhalten. Auffällig war wie oft sich in den 90 Minuten gegenseitig angepflaumt wurde. Das "Team" hat die Bezeichnung nicht verdient. Sie haben vor dieser Rekordkulisse die Hosen runter gelassen. Nicht sehr schmeichelhaft bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Nur wo soll und muss der Hebel angesetzt werden? Alles kann und muss kritisiert werden. Allein die Mannschaft jedoch in Schuld zu vakuumieren, ist nicht richtig. Da gibt es Leute wie Jockel und Pommes, wie Pelzer, Krauße und Ruprecht, die sichtlich mitgenommen sind. Die mit Herzen an diesem Verein hängen.

Vielen anderen Profisportlern sei hingegen gesagt: Habt den Arsch in der Hose, klopft Montag früh an Uwe Kleins Büro und bittet um Vertragsauflösung! Erlöst euch und uns! Kauft noch einen Quadratmeter für Hansas Jugend und nehmt schleunigst den nächsten Fernbus. Ihr wisst gar nicht wie weh ihr uns tut, unseren Lebensinhalt misshandelt.

Man kann aber auch das Trainerteam nicht von aller Schuld freisprechen. Über Besetzungen einzelner Positionen kann aber muss man nicht streiten, aber die Konditionsfarce war eine sondergleichen, wo gar der Vorstand mitspielte, oder das nicht rechtzeitige Intervenieren bei den Auflösungserscheinungen des "Teams". Denn das ist keine Mannschaft mehr. Einigen, eher vielen Spielern würde man gönnen, dass sie noch mindestens 6 Monate so weiter arbeiten müssen, auch oder weil sie auf Vollmann eventuell keinen Bock mehr haben. Aber aus Sicht des Fußballclubs wäre es vielleicht die einzige Möglichkeit die Trainerposition zu hinterfragen und dort zu handeln.

Peter, es sollte nicht sein. Die Spieler haben dich nicht verdient, aber wir vergessen nicht, was du uns in der Vergangenheit für Freude bereitet hast. Du stehst für eine so schöne Saison, die einzige in den letzten Jahren. Ein hübsches Blümchen auf der Wiese voller Kuhdung. Danach und davor kam nichts, was uns viel Freude in unserem bisherigen blau-weißen Leben bereitet hat. Auch der fehlenden Kompetenz in den Führungsreihen, was die sportlichen und kaufmännischen Bereiche angeht, geschuldet.

Mein persönliches Leben mit der Kogge hält nun über 19 Jahre lang an. Wenn man die Lage sachlich betrachtet, was schwer genug fällt, müssen wir uns eingestehen, dass wir die beste Zeit mit unserem Verein hinter uns haben. Wir können schon aufgrund unserer Voraussetzungen nicht und nie mehr mit den Großen und Mittleren dieser Branche mithalten. Wollen wir auch nicht. Wir wollen nur Jungs sehen, die mit Stolz unsere Kogge tragen und zumindest versuchen zu gewinnen.

Lichtjahre sind wir entfernt von Martin Max' Tore am Fließband. Von Kevin Hansens erster Profibude im alten Münchner Olympiastadion, gegen keinen geringeren als Olli Kahn. Derselbe Keeper, der sich im Ostseestadion zur Lachnummer der Nation gemacht hat. Ein Bachirou Salou brachte im Alleingang 3 Punkte aus Leverkusen mit nach Hause. Unser Wunder von Bochum wurde oft genug genannt. Die Pter Wibrans und Olli Neuvilles dieser Welt, die nie niemals aufgegeben haben. Jari Litmanen in unserem Dress - wie war das unfassbar. Im Block standen wir in Freiburg oben ohne und auf Schlake unten ohne. Haben uns beim Hamburger Stadtteilklub ins Stadion geschmuggelt, haben in Bochum nicht nur den erwähnten Klassenerhalt sondern auch einen Erstligaabstieg gefeiert. Und so weiter und so fort.

Das alles hat mir mein Vater ermöglicht. Es fing im August 1995 an, als wir zusammen das erste Mal ins Ostseestadion fuhren. 20 D-Mark, Mittelblock. Als Hansa gegen den Meister aus Dortmund nach 0:2 noch 3:2 gewann, durch Tore von Beinlich und Chalaskiewicz. Nebenbei erwähnt war es damals Mike Werners letztes Profispiel. Aber die Mannschaft und das Spiel von heute haben es nicht verdient in einem Text mit diesen Zeiten und Spielern erwähnt zu werden. Ihr macht nicht weniger als unser Leben kaputt! Denn nun siegen Teams aus Münster und Großaspach mühelos im Ostseestadion. Sportlich geht's Richtung Regionalliga, finanziell wird diese nicht zu erreichen sein. Mein Vater kann und muss das nicht mehr mit ansehen. Nicht wie unser aller geliebter FCH zu Grunde geht. Der Letzte macht das Licht aus und der nagelneue Kunstrasenplatz wird im Dunkeln vielleicht auf ewig auf die Nachwuchskicker warten. Wir sind nicht am Anfang vom Ende, wir sind mittendrin. Bald haben wir es "geschafft"...

Ich wische mir jetzt die Tränen weg und schaue die DVD von Hansas 4:4-Sieg in Karlsruhe.