Vier Tage frei außerhalb der Reihe - klar, daß es mich da nicht auf meinem Stuhl hält. Angesichts der Jahreszeit sind die zur Verfügung stehenden Optionen für einen Kurztrip überschaubar. Nach ein paar Stunden Planung, Herumprobieren und Abschätzen fällt die Entscheidung gegen Island und für Finnland.

 

04.07.2017 / 18.30 +++ FC Lahti Kemi PS 1:0 (1:0)
Lahden Stadion (2.633 Zuschauer)

 


Also sitze ich an diesem Dienstag im Flieger. Komplett ereignislos geht es von Hamburg über Frankfurt nach Helsinki/Vantaa. Fix ein Ticket für den Vorortzug gezogen (9€) und eine Stunde lang durch karges Ödland gezuckelt. Teilweise bleibt die Frage offen, warum sich nun ausgerechnet an diesem Fleck ein Bahnhof zum Zwischenhalt befindet...

Erster Boxenstop ist meine Unterkunft, das "Guesthouse Little Tundra". Hier erwartet den geneigten Gast nicht mehr als eine Schlafkammer im Blockhüttenstil. Zum Glück ist es nicht allzu warm, eine Belüftung ist nämlich nicht vorgesehen. Dafür stehen die Küchengeräte zur freien Verfügung, zum Einkaufen läuft man etwa fünf Minuten und auch der Bahnhof liegt nicht einmal zehn Fußminuten entfernt. Das W-Lan ist gratis und läuft wie geschmiert.

Das Lahden Stadion liegt ziemlich genau am anderen Ende der Stadt im Wintersport-Areal. Nach einer knappen halben Stunde Fußweg wird man zunächst der Skisprunganlage angesichtig. Warum zum Henker sollte man da runterspringen wollen? Wenn man einmal live vor so einem Monstrum steht, stellt sich diese Frage umso mehr.

Für den Moment tausche ich jedoch erst einmal 17,50€ für ein Tribünenticket ein. Das Lahden Stadion besteht aus einer überdachten Haupttribüne, einem Hang mit unüberdachten Schalensitzen gegenüber und drei, vier Betonstufen in einer der beiden Kurven. Hinter der anderen Kurve befindet sich die Skisprunganlage mit drei Schanzen. Diesen Anblick muß ich erst einmal sacken lassen.

Ein Ordner bereitet mich moralisch auf den anstehenden Kick vor und versichert, daß die Fans des FCL sehr laut und leidenschaftlich seien. Na denn man tau. Gästefans kann ich nicht ausmachen, was angesichts des Termins und der Entfernung allerdings nicht überrascht.

Wirklich überrascht bin ich vom unfaßbaren Ausmaß der Beschallung mit Spam. Mindestens einmal in der Minute wird dieses Produkt oder jene Dienstleistung angepriesen. Es ist der absolute, nie gekannte Wahnsinn und bereits nach einer Viertelstunde hinterfrage ich die Korrektheit meiner Entscheidung zu diesem Trip. Das ist schlimmer als jeder Superbowl.

Auf dem Feld ist Lahti klar überlegen und geht früh in Führung, verpaßt es jedoch, den Kick zeitig zu entscheiden. So viele Chancen spielen wir uns bei Hansa vielleicht in einer Halbserie heraus... aber alles wurde verbraten, alles. Aus den möglichsten und unmöglichsten Situationen. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Die vom Ordnungspersonal gepriesenen Fanaten können da längst nicht mithalten, sowas bekommt man bei uns auch in der Oberliga geboten.

Bewegte Bilder vom Kick gibt es hier.

Nach dem Spiel geht es wieder zurück in die gebuchte Höhle. Sightseeing ist für morgen vorgesehen.

 

 

05.07.2017 / 18.30 +++ FC Viikingit Tampere Utd 1:1 (1:0)
Vuosaaren Urheilokenttä (311 Zuschauer)

 


Der Morgen beginnt mit Dauerregen. Als sich die Lage so ein wenig entspannt, mache ich mich auf die Socken. Die Stadt läßt sich bestens zu Fuß erkunden. Allerdings mag der Funken nicht so recht überspringen. Ich verbringe den Vormittag mit viel Sportlichem; unter Anderem steht ein Besuch des Stadions des FC Kuusysi an. Der Verein hat eine ganz interessante Geschichte: Der FC Lahti ist eigentlich ein Fusionsverein. Allerdings hat man im Zuge dieser Fusion nur die ersten Mannschaften des FC Kuusysi und von Lahden Reipas zusammengeführt. Der "FC Lahti II" nahm seit 2011 eben als FC Kuusysi eigenständig am Spielbetrieb teil. Deren Stadion ist durchaus auch einen Spaziergang wert. Auf dem Gelände befindet sich noch eine Statue für den größten Fußballer, den Finnland je hervorgebracht hat... die Älteren erinnern sich vielleicht an das halbe Jahr, das Jari Litmanen in Rostock verbrachte.

Hernach geht es zurück zum Lahden Stadion - es steht offen und lädt zu besser belichteten Bildern ein.

Gleich um die Ecke befindet sich das Skisprung-Museum. Ich bin ein paar Tage zu früh, die Hauptausstellung hat erst am Freitag ihre Wiedereröffnung. Allerdings gibt es eine Handvoll Fotos, einen etwa achtminütigen Videofilm über die Geschichte des Wintersports in Lahti und eine Vitrine voller Medaillen, die Matti Nykänen zu seiner aktiven Zeit gesammelt hat. Wer mag, kann einen Skisprung-Simulator ausprobieren oder mit einem Gewehr auf elektronische Biathlonscheiben ballern. Nicht wirklich überraschend stellt sich raus, daß ich beides nicht besonders gut kann.

Im Anschluß trabe ich zurück zum Bahnhof, Helsinki wartet mit einem Drittligaspiel auf. Die Stadt macht auf Anhieb einen sympathischen Eindruck. Mein Hostel ist wiederum zentral gelegen, maximal zehn Fußminuten vom Bahnhof entfernt. Hier hat man einfach eine Etage eines Mehrfamilienhauses umgewidmet...

Schnell des Gepäcks entledigt und per Metro ganz in den Osten der Stadt gefahren. Vuosaari ist ein ziemlich unspektakuläres Wohnviertel. Für einen Zehner darf man den örtlichen Urheilokenttä betreten. Der heimische Supporterblock umfaßt aus 30 Nasen und findet sich auf der "Gegentribüne" ein, die aus drei Steinstufen an einem Graswall besteht. Buchstäblich gegenüber stehen knapp 25 Gestalten aus Tampere. Auf dieser Seite gibt es ein paar Reihen mit Holzbänken und einen Sprecherturm.

Sportlich hätte sich Tampere über eine Niederlage nicht beschweren dürfen - auf den Rängen lieferten sie jedoch eine sehr annehmbare Vorstellung ab. Ich weiß nun nicht, was bei Viikingit normalerweise geboten wird, allerdings kam es hier und heute sogar zum einen oder anderen Gesangsduell. Tampere besitzt dabei noch ein bißchen Pöbelpotential. Sehr schön, das macht Lust auf mehr. Tampere ist gemerkt. (Hoffentlich wäre das nicht so ein Reinfall wie beim SKN St. Pölten).

Einen Zusammenschnitt findet Ihr hier. Wer völlig schmerzfrei ist, kann sich hier den kompletten Kick einschließlich der Vorberichte reinschrauben.

Nach dem Spiel geht es wieder zurück ins Hostel; die Füße brennen angesichts der zurückgelegten fast 30km...

 

 

06.07.2017 / 19.00 +++ HJK Helsinki Connah's Quay Nomads 3:0 (1:0)
Areena (6.103 Zuschauer)

 


...und heute würde es sicher nicht viel anders. Auch Helsinki läßt sich super zu Fuß abspulen. Ab halb zehn morgens ist die Stadt friedlich und bietet Einiges zum Anschauen. Ich jage also für ein paar Stunden den Touristenpfaden nach, was auch angesichts des hervorragenden Wetters viel Freude bereitet. Für Amüsement sorgen wie üblich die Busse voller mit Selfie-Stange bewaffneter Asiaten. Diese Art des Reisens (und der Dokumentation) wird sich mir in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr erschließen. Ich meine... ich weiß doch, daß ich vor Ort war, was soll ich dann auf einem Foto das eigentliche Motiv großflächig versperren? Aber vielleicht bin ich auch einfach nur ein verbitterter alter Sack. Und jetzt runter von meinem Rasen!

Am späten Nachmittag geht es per Straßenbahn zum Stadion. Unterwegs passiert man noch die Fankneipe des HJK, wo die Stimmung ausgelassen ist. Gleich neben der Areena liegt der Sportplatz des ruhmreichen FC Kiffen 08, allerdings führt hier heute buchstäblich kein Weg hinein. Nun gut.

Die "Areena" kommt von außen betrachtet eher aus der Fjutscher, einer dieser relativ uninteressanten Neubauten. Drei Seiten bilden ein U, die vierte ist eine einzelne, freistehende Tribüne mit zwei Stockwerken. Ich finde mich für knapp 20€ auf der Gegentribüne in Höhe der Mittellinie ein. Gästefans sind wiederum nicht auszumachen. Für mich ist das zu diesem Zeitpunkt überraschend, immerhin sind Briten im Allgemeinen reisefreudig und im Speziellen heute bringen die Nomads einen Sieg aus dem Hinspiel (1:0) mit nach Finnland.

Mit dem Anpfiff kommen mir allerdings Zweifel, wie es dazu gekommen sein könnte. Connah's Quay verlegt sich vom Fleck weg aufs Zeitschinden, Herumliegen und Zerstören. Jeder Abstoß dauerte ewig und nach 22 Minuten holte sich der Gästekeeper erst einmal ein neues Paar Handschuhe. Dieses kann ihm natürlich unmöglich von einem Betreuer gebracht und hinter dem Tor überreicht werden, wo denkt Ihr hin. Das Arbeitsmaterial wird natürlich persönlich an der Mittellinie in Empfang genommen.

Auch der Führungstreffer für HJK ändert an der Grundeinstellung der Waliser nichts. Scheinbar möchten sie sich einfach durch Totstellen ins Elfmeterschießen retten. Mehr kann man von dieser allenfalls regionalligatauglichen Truppe wohl auch nicht erwarten. Der Fanblock der Finnen quittiert die Taktik der Gäste mit zunehmendem Unmut. Ansonsten ist der Support eine Mischung aus allem Möglichen, ein bißchen Italien, ein bißchen Großbritannien, ein bißchen danke - bitte. Ich weiß nicht so recht, wie ich das finden soll. Am Ende steht jedenfalls ein standesgemäßes 3:0 und die Frage, wie man gegen diese Thekentruppe das Hinspiel in den Sand setzen konnte. Wiederum gibt es hier ein paar Highlights.

Da die direkte Busverbindung von der nahegelegenen Oper zum Flughafen offenbar entgegen anderslautender Informationen nicht existiert, geht es nun eben per pedes zum Hauptbahnhof. Die Burgerkette dort ist keine Empfehlung; konnte ich nicht ahnen, ist aber fürs nächste Mal gemerkt. Die S-Bahn bringt mich im Anschluß zurück zum Lentoasema, der seinem Ruf als einer der besten Flughäfen der Welt für "gestrandete" Fluggäste mehr als gerecht wird. So bin ich am nächsten Tag noch halbwegs brauchbar. Der Rückflug führt über München, inklusive dreieinhalbstündigem Stopover. Dieser wird mit den Nachrichten vertrödelt; scheinbar wird meine Residenzstadt gerade durch viele freiwillige Helfer im Namen der politischen Meinungsäußerung großflächig umgestaltet. Den TV-Bildern und Kommentaren nach zu urteilen fast so schlimm wie bei einem durchschnittlichen Hansa-Auswärtsspiel...

Am späten Nachmittag drehe ich dann den Hausschlüssel herum. Ich hatte schon weitaus schlechtere Ideen als diesen Ausflug nach Finnland...

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