Nach der bisher überaus erfolgreichen Auswärtssaison haben sich im Hause Borst einige kleine, mehr oder weniger schmerzhafte Sieggaranten in Form abergläubischer Handlungen eingeschlichen. Eigentlich bin ich ja seit geraumer Zeit aus dem selbe-Socken-tragen und Trikot-nicht-waschen-Alter raus. Uneigentlich ist eine Phase, in der man derartige Macken mit sportlichem Erfolg rechtfertigen kann, ja nun auch schon ein wenig her. Also für das Spiel in Erfurt lieber nichts riskieren...

Punkt eins gelingt mustergültig. Direkt vor dem Spieltag darf es keinesfalls mehr als zwei Stunden Nachtschlaf geben. Das drückt natürlich auf die geistige Performance, was beim Rest der Reisegruppe Hamburger Durchblicker nicht unbemerkt bleibt. Gegen Mittag und am Austragungsort haben Körper und Geist wieder so etwas wie Tuchfühlung zueinander aufgenommen. Gerade rechtzeitig zu Punkt zwei, der im Grundsatz fast noch schmerzhafter ist als der erste. Es gilt, die Hymne des Heimvereins vor Beginn des Spiels inbrünstig mitzuschmettern. Das kann lustig sein (Paderborn) oder irgendwie kultig (Duisburg). Es kann ein hoffentlich-sieht-mich-hier-keiner-Gefühl auslösen, wie in Magdeburg oder Wiesbaden. Oder gar nicht so schlimm, wie eben in Erfurt. So lange wir nicht doch irgendwann mal nach St. Pölten fahren…

Das Spiel beginnt. Ich habe getan, was ich konnte. Nach knapp fünf Minuten zahlt sich das dann auch schon aus, als Cello zuschlägt. Es wäre schön, wenn er den Winter nutzte um zu alter Gefährlichkeit zurückzufinden. Wie wichtig das wäre, zeigt sich in der Schlußhase der Partie… in der Folge nimmt die Begegnung rasch den bevorzugten Verlauf. Wir stehen tief und extrem vielbeinig. Erfurt darf sich rund um den Strafraum austoben, bekommt allerdings bis auf einen Freistoß und einen Weitschuß (von Schuh bockstark geangelt) nichts zuwege. Unser Konterspiel besteht überwiegend aus Bällen, die im American Football als Hail Mary bezeichnet werden. All das untermalt von einem gut gefüllten Gästeblock, der sich optisch und akustisch deutliches Übergewicht im Rund verschafft. Irgendwie hat diese Mixtur etwas vom trotzigen Widerstand eines gallischen Dorfes.

So geht es in die Pause. Läuft.

Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit dann wieder ein leidlich bekanntes Bild. Der Joker sticht, kaum daß er sich die Schuhe zugebunden hat. Die handwerkliche Ausgestaltung seines Treffers zum Ausgleich ist zumindest objektiv sehenswert. Nicht ganz so elegant vollstreckt der einmal mehr starke Stephan Andrist kurz darauf zum 2:1 für die Guten. Das erste Spiel mit mehr als einem eigenen Tor gefühlt seit dem 39. Septober 1897, genauer: seit eben Paderborn, wo auch dieser Hymnenquatsch seinen Anfang nahm. Soviel dazu. Also wieder die beliebte Platte aufgelegt – hinten dicht und vorne hilft… heute zumindest mal nicht Soufian Benyamina. Ihm bleibt es vorbehalten, mindestens eine, wenn nicht gar zwei Hundertprozenter ungenutzt liegen zu lassen. Und wie typisch wäre es gewesen, hätte Erfurt den blitzsauberen Konter nach der zweiten Großchance zum erneuten Ausgleich genutzt. Wo Schuh den noch hernahm, weiß er vielleicht selbst nicht so genau.

Neben unserem Fänger spielt sich heute vor allem Kerem Bülbül in den Fokus. Nicht nur maßgeblich an der Entstehung der beiden Treffer beteiligt, sondern zwischendurch mit dem Wecer für seine Mannschaftskollegen. Es gelingt in der zweiten Hälfte jedenfalls nur mit Mühe, das sprichwörtliche südländische Temperament zu bändigen. Ich erinnere mich augenblicklich an Marcel Schuhen in Wiesbaden, dem man für seine besonnene Frage nach den Beweggründen für eine Schiedsrichter-Entscheidung nebst folgender Verwarnung zumindest einen halben Scorerpunkt zuschreiben durfte. Es ist Feuer drin, die Truppe lebt und wehrt sich. Entsprechend werden genau diese beiden nach Abpfiff noch einmal gesondert gewürdigt. Vielleicht gelingt es uns nun auch endlich einmal, für die Heimspiele ein ähnlich erfolgreiches Rezept anzurühren. Denn was mit einer halbwegs vernünftigen Bilanz auf eigenem Geläuf in dieser Liga möglich wäre…

Der Weg Richtung Heimat bietet neben dem üblichen Katz-und-Maus-Spiel mit dem örtlichen Cicherheitspersonal wenig Aufregendes. Nehme ich an – das Schlafdefizit fordert seinen Tribut. Man wird eben älter…

Bleibt die Hoffnung, daß wir im abschließenden Kick gegen KMS nicht wieder die altbekannte Rolle als Krisen-Aufbauhelfer einnehmen. Es wird Zeit, daß das Team auch zuhause endlich einmal zeigen kann, was in ihm steckt.

HANSA!

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