...der kann nur Sauerkraut fabrizieren, sagte einst Sir Peter Ustinov. Der F.C. Hansa entwickelt sich so gesehen langsam zum tabellarischen Marktführer für Sauerkraut in der Dritten Liga.

Lange war die Reise in die hessische Landeshauptstadt geplant und gebucht, so lange, dass ich keinen blassen Schimmer mehr hatte, weshalb auf der Abfahrt 4 Uhr irgendwas stand und Ankunft noch vor der Mittagspause. Zumindest waren damit alle zeitlichen Unwägbarkeiten nahezu ausgeschlossen und einem umfangreichen Bier- und Äppelwoitest stand nichts im Wege.

Noch vor dem ersten Tageslicht hatte man sich also bereits in Hamburg gemütlich im Bordrestaurant auf dem Weg nach Frankfurt am Main eingerichtet und das mittlerweile obligatorische Auswärtsfrühstück geordert, Rührei mit Hopfenkaffee. Über der Landschaft lag ein frostiger Nebel, der zügig vorbei glitt und unmittelbar nach Bezahlung hielt unser Gefährt auch schon in der Mainmetropole.

Hier sollte dann zunächst einmal in Bahnhofsnähe der Proviant mit Erzeugnissen der heimischen Braukunst und traditonellen Apfelkelterei aufgefüllt werden, was sich als nicht ganz einfach erwies. Die großen Bahnhöfe unserer Großstädte gleichen sich fast überall, auf den Vorplätzen tummelt sich zumeist eine ziemliche Freakshow, die bei der ersten Sondierung der Lage häufig ein ungutes Gefühl erzeugt. Neben der lästigen Schnorrerei muss man seine sieben Sachen ständig im Auge haben und schauen, dass man allzu ferngesteuerten Zeitgenossen aus dem Wege geht. Frankfurt zeigte sich an diesem Tag noch mal eine Nummer heftiger. Für das, was sich da schon zu recht früher Stunde im Umfeld angefunden hatte, fehlte mir die Phantasie mir vorzustellen, wie das erst in der Dunkelheit aussehen könnte. Also nichts wie weg, geradewegs ins Westend auf der Suche nach Getränken für einen halbwegs fairen Gegenwert. Nach ein Weile wurden wir auch fündig in Mitten des vorwiegend orientalischen Gewühls zwischen Hochhäusern von Banken, Sexshops, zwielichtigen Hotels und Wettbüros, Nobelgeschäften und gesichtslosen Büroklötzen. Verstärkt wurde der abweisende Charakter noch dadurch, als dass es schwierig wurde, sich dort überhaupt in der Muttersprache verständigen zu können. 

Kurzerhand wurde daher die Reißleine gezogen und ich machte mich doch so schnell es ging auf zum Spielort, in der Hoffnung, dass beschaulichere und eher biedere Wiesbaden würde kein so großes Unwohlsein erzeugen. Ich frage mich immer wieder, was diese Stadt so attraktiv macht, dass sie bei der höchsten Millionärsdichte so weit vorne liegt und protzen kann, so hatte ich genug Zeit dem mal auf den Grund zu gehen. Dort angekommen nahm ich den Neroberg in Augenschein, den Hausberg der Stadt, welcher in südlichen Gefilden häufig für die Einheimischen zu den wichtigsten Attraktionen zählt. In Wiesbaden hat dieser eine technische Einmaligkeit zu bieten, eine uralte schwerkraftangetriebene Zahnradbahn ermöglicht das bequeme Erklimmen. Der durch einen gefüllten Wassertank schwerere Gipfelwagen zieht auf seinem Weg nach unten den geleerten Talwagen nach oben, ein Denkmal welches zeigt, dass unsere Altvorderen schon ziemliche Füchse waren. Ich scheinbar nicht so, denn dass dieser auf Wasser basierende Antrieb in der Frostperiode zu einer Winterpause zwingt, darauf hätte ich auch selbst kommen können. Ich bestrafte mich dafür umgehend selbst, öffnete einen isotonischen Durstlöscher im Braunglas und machte mich zu Fuß auf, den Weg zum Gipfel zu bezwingen. Oben angekommen bot sich neben völliger Menschenleere ein fantastischer Blick weit über die Stadt hinaus, den ich eine Weile mit weiterer Gewichtsreduktion meines Campingbeutels genoss. Vorbei an den goldenen Kuppeln einer russisch-orthodoxen Basilika machte ich mich dann durch die an den Hängen gelegenen Villenviertel wieder talwärts auf den Rückweg, vorbei an noblen Kaschemmen, Galerien, zahllosen Frisören und Geschäften für Dinge, für die unterhalb eines siebenstelligen Vermögens kein Bedarf besteht. In den Hangvierteln aber wohl schon, obgleich die Prachtbauten aus etwa dem Ende des vorletzten Jahrhunderts trotzdem einen schönen Anblick bieten. 

Die Suche nach etwas Bodenständigerem führte mich vorbei an einigen heißen Quellen wieder hinein ins Zentrum, auf dem Weg konnten noch einige Reste erster römischer Besiedlung in Augenschein genommen werden. Dies zwar kostenlos, aber die im Internet genutzte Bezeichnung "Freilichtmuseum" stellte eine maßlose Übertreibung dar, maximal eine halbe Bierlänge dauert die Besichtigung derselben. Auch die Bezeichnung Altstadt ist eher irritierend, nach weniger als hundert Metern steht man auf dem Hauptplatz der Stadt neben einer imposanten Ziegelkirche und fragt sich, wo diese denn nun gewesen sei. Vorbei am Treiben des örtlichen Weihnachtsmarktes suchte ich dann ein Plätzchen, an dem ich ein wenig rasten konnte, der Zufall führte mich an die folgende Stelle, die mich sofort an noch zu schleifende Rohdiamanten erinnerte.

 

Mit einsetzender Dämmerung wurde es recht kühl und ich wehrte mich standhaft, dieser mit Kopfschmerzen für drei Euro zu begegnen, indem ich auf den Glühwein an einer der zahlreichen Buden aufs Tapferste verzichtete. Ein weiteres Omen gab es dann, als ich dem Rest der Reisegesellschaft bestehend aus schwarzen Adlern und anderen Viechern just vor diesem Gebäude begegnete : 

Nach kurzer Begrüßung wurde dann ein urgemütlicher irischer Pub mit bulgarischer Bedienung geentert und dort die Zeit bis eine halbe Stunde vor Anpfiff rumgebracht. Eine gelbe Droschke setzte uns dann nahe der Gästekasse ab und 5 Minuten 22 Sekunden vor dem ersten Gegentor waren die Plätze in der Blechkiste eingenommen.

Diese eiskalte Dusche im sich genauso anfühlenden Wellblechpalast zu Wiesbaden ließ die Stimmung nach Sekunden förmlich erstarren, man hatte noch nicht mal den Platz angewärmt und lag schon zurück. Im weiteren Verlauf der ersten Hälfte schwante mir Böses, als man versuchte mittels Distanzschüssen, 7:0 Ecken nach 30 Minuten und lang auf Stephan doch wieder in die Partie zurückzufinden, aber wenig Torgefahr dabei ausstrahlte. In dieser Phase bis kurz vor der Halbzeit hatten wir Glück, dass Wiesbaden nicht erhöhen und ein recht wirr agierender Schiri sich nicht klar für die Benachteiligung einer Mannschaft entscheiden konnte. Sekunden vor der Pause konnte dann Timo doch nach herrlicher Flanke von Stephan aus Nahdistanz per Kopf einwuchten, was auch dem Spielverlauf entsprach, in dem Hansa sich langsam aber sicher zurück in die Partie tastete und ein guter Zeitpunkt allemal. Trotzdem wurde dafür ein hoher Preis bezahlt, Erde bekam einen fürchterlichen Fußtritt ins Gesicht und musste ersetzt werden, was nicht nur eine Positionsänderung zur Folge hatte, sondern auch dazu führte, dass von unserer Stammverteidigung nur noch einer planmäßig seine Position einnehmen konnte. Über die gesamte Partie war das auch spürbar und insgesamt deutlich wackliger als sonst. Der Recke selbst, die gefällte Rostocker Eiche, musste von 6 Sanitätern durch die Blechtüren des Kolosseums ins Lazarett befördert werden. Demnächst kann Erde ja sein jetzt einer Gebirgsstraße ähnelndes Nasenbein mit einer Maske schützen, die der auf seiner Jacke ähnelt...

Nach Wiederanpfiff kam Wiesbaden zu einer weiteren ungenutzten Gelegenheit, die Schuh nach eigener Unsicherheit selbst um so reaktionsschneller ausbügeln konnte. Ab da hatte Hansa den Laden im Griff, erschien ein ums andere Mal vor dem Tor der Wehener, aber brachte den Ball nicht unter, obwohl man sich redlich mühte. Entweder scheiterte man am guten Ersatzkeeper der Hessen oder blieb selbst zu ungenau und glücklos. Wenn sich in einem Spiel in der Fremde einem solche Gelegenheiten bieten, geht man normalerweise als Sieger vom Platz und teilweise war es zum Verzweifeln. Man tauchte allein vor dem Tor auf und konnte mehrfach den Ball nicht final hineinbefördern, deutlich wurde das Manko eines inexistenten Sturms. Wer noch Haare hatte, konnte sie sich mehrfach raufen, allein die Murmel wollte nicht rein. Dabei war es durchaus spannend, denn das Pendel hätte über 90 Minuten auch in beide Richtungen deutlich ausschlagen können, in Halbzeit zwei dann eher für unsere Jungs. Ungewohnt offen zeigte sich aber unsere Defensive, die mit dem frühen Pressing so ihre Schwierigkeiten hatte, bedingt aber eben auch durch eine ziemliche Notgemeinschaft, die da teilweise wenig abgestimmt und häufig lediglich reflexhaft agierte, besonders in der ersten Hälfte. Auf der anderen Seite nahm Wiesbadens Truppe durch recht viele Liegendphasen viel Zeit von der Uhr, der Schiri hatte sichtbare Schwierigkeiten damit umzugehen, oft lag ein Hesse dem Tode nahe auf dem Rasen, nur um kurze Zeit später wundergeheilt wieder leichtfüßig wie ein Reh über den Platz zu springen. Die Vorführungen schienen so echt, dass sogar die eigene Bank glaubte wechseln zu müssen, aber im letzten Moment durfte der Ersatz wieder Platz nehmen.

Komisch dann dann die Stimmung am Ende, wenn man kurz davor ist, sich über einen Auswärtspunkt zu ärgern. Es gibt eigentlich keinen Grund dazu, wenn nicht immer eine seltsame Furcht vor den folgenden Heimspielen da wäre und in dem Zusammenhang sofort auf die Stimmung drückt. Etwas was durchaus ein Erfolg ist, erzeugt leider mit Blick auf die  Heimpartien immer öfter das Gefühl, es sei doch irgendwie zu wenig gewesen. Der Mannschaft war das dann auch beim Abklatschen deutlich in den Gesichtern abzulesen. Freude oder gar Zufriedenheit, dass man wiederum einen Punkt in der Fremde entführen konnte war nicht sichtbar, vielmehr trauerte man wohl den vergebenen Möglichkeiten nach, bei denen man einen Sieg nach der Pause mehrfach in Griffweite hatte. Das Fazit fällt von Spiel zu Spiel klarer aus, im Sturm muss etwas passieren, man ist nicht nur mit Blick nach oben gebremst, auch von den unteren Regionen kann man sich nicht entscheidend absetzen und es frustriert, wenn man wie in so einem Spiel von vier, fünf klaren Chancen nicht eine irgendwie unterbringt und den Sieg erzwingen kann.

Trotzdem ging es hinterher zügig zurück nach Mainhattan und dort zusammen mit den schwarzen Adlern der alten Schule in eine vernünftige Kneipe im ruhigen Bornheim, in der man gemeinsam noch ein paar Gerstensäfte vernaschte und in alten Zeiten schwelgen konnte, auch wenn es im Mai 1992 bei jener denkwürdigen Partie für jene traumatisch und für uns dramatisch endete. Auch 25 Jahre später ist das noch Stoff für Erinnerungen und Anekdoten. Anschließend forderte der lange Tag bei den Mitreisenden seinen Tribut und wir breiteten uns in einem Adlernest zur Nachtruhe aus. Am nächsten Morgen dann gemeinsam ein zünftiges Frühstück hoch über den Dächern, bevor die Rückreise angetreten wurde und man konnte noch einmal das internationale Flair dieser Stadt auf sich wirken lassen, obwohl man uns zu Ehren da ja nicht gleich so übertreiben muss... 



 

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