Immer, wenn es in die ostwestfälische Provinz geht und ich Städtenamen wie Bielefeld, Gütersloh, Minden und eben Paderborn höre, dann hoffe ich, dass es schnell weiter geht und man diesen Landstrich hinter sich lassen kann. Die Assoziation ist ähnlich, wie wenn im Radio von der "Griesen Gegend" die Rede ist und ich sehe es vor mir, anhaltender Landregen, trüb und nebelig. Ein Landstrich ohne jede aufregende Seite, nichts was man verpasst, wenn man es nicht gesehen hat und wo Alfred Hitchcock eine perfekte verregnete Kulisse mit wandernden Nebelschwaden für einen Horrorklassiker vorgefunden hätte und die Menschen statt mit linker Hand mit einem Regenschirm geboren werden.

Die Reiseplanung mit Zeit am Zielort bot nun an, dann doch mal dieses Weltbild einer Überprüfung zu unterziehen und ein wenig wie in alten Zeiten zog unsere zwei-Mann-Vorhut los, auf der Suche nach dem ein oder anderen Kulturpunkt. So nannte man das früher und im Gegensatz zum mecklenburgischen Nabel der Welt hält dort in der Nähe auch mal ein ICE. Bescheidenheit ist eine Zier und so verzichtete man auf die Mühen des Empfangskomitees und verließ auf dem letzten Stück Bummelbahnweg diese vorzeitig. Ein kurzes Stück und die erste Pause zur Gewinnung von Dosenpfand konnte auf dem Paderborner Rathausplatz eingelegt werden. Schon hier fiel die Omnipräsenz des Paderborner Stadtheiligen auf, der Hl. Liborius, dem Helfer gegen Leibesnöte, speziell Nierenkrankheiten, weswegen wir fromm und unablässig auf die korrekte Funktion des Nierenapparates acht gaben. 

Auf den Spuren allerlei weiterer prominenter Persönlichkeiten wie 776 Karl dem Großen und anderer Kaiser und Könige schritten wir ähnlich erhaben mit unserem Nierenspülmittel in der Hand durch die Innenstadt und besahen uns einige durchaus sehenswerte historische Gebäude. Herausragend hierbei natürlich der Dom in der Stadtmitte, der zwar äußerlich nicht so reichhaltig den Bischofsitz präsentiert wie seine südlicheren katholischen Verwandten, aber innen durchaus sehenswert ist. Mit einer Krypta (unter der Kirche befindliche Begräbnisstätte) die man als Besucher betreten kann und mit einem angeschlossenen Kreuzgang, in dem man das weltbekannte Drei-Hasen-Fenster findet. Nur falls einen mal der Günther für ne Million danach fragt. Auf der Rückseite dann Gebäude und Gebäudereste aus dem 8.Jh., die Kaiserpfalz, wo eben diese auf ihren Durchreisen Hof hielten und direkt anbei die Paderquellen, die der Stadt ihren Namen gaben und im übrigen dann den kürzesten Fluss Deutschlands bilden, die Pader ist nur 4 km lang. Die Stadt selber ist also durchaus ansehnlich und kann mit dem ein oder anderen aufwarten, mein Bild von Paderborn habe ich dahingehend aktualisiert.

Langsam aber sicher lustwandelten wir dann in Richtung Nahrungsaufnahme, wobei die flüssige Form sich durchaus sehen lassen konnte in Form von "Pilger", einem sehr satten Landbier aus der ansonsten nur vom Pennerbier, auch deutsche Parkseuche genannt, bekannten örtlichen Brauerei. Wohingegen die Currywurst, abgerundet mit  reichlich Tabasco und einem Aussehen wie ein schrumpliger Mumienpenis das reinste Grauen war. Na gut, 3 Bier sind auch ne Wurst und ich hatte Hunger. Und wie wir so im goldenen Schein der sinkenden Herbstsonne das Treiben beobachten, fällt uns auf, dass in dieser Stadt keinerlei Aktivitäten oder Menschen zu beobachten sind, die darauf schließen lassen, das hier in zwei Stunden ein Verein spielt, der sich vor kurzem noch mit der Bundesligaelite duellierte. Da musste ich wirklich nochmal Datum checken und den Weichfernsprecher bemühen, ob da nicht eine Absage an uns vorbeigegangen ist. Zum Glück hielten dann sowas wie Stadionbusse vor uns, zu denen allerdings jeglicher Andrang fehlte, sie brachten uns dann dennoch (inkognito) zur Spielstätte und auf dem Weg dahin durften wir den Prognosen und Einschätzungen der zusteigenden Einheimischen lauschen. Diese waren einhellig so, wie wenn sich ein nur unglücklich gestrauchelter Bundesligist nun die Mühe machen muss, sich mit einem Gegner aus den Niederungen des Fußballneandertals zu beschäftigen. Schon da dachte ich, wie schön es wäre, wenn man da etwas Demut lehren könnte, damit sich bspw. auch mal die geographischen Kenntnisse über den Gegner verbessern.

Am am Stadtrand gelegenen Blech-Tempel angekommen spazierten wir unbehelligt an der Außenseite entlang, zu bestaunen war hier schon eine Vielzahl an Personal aller Art, was den Verdacht weiter erhärtete, dass dieser Verein sich, ähnlich wie wir lange Zeit, noch in höheren Sphären wähnt. Der Aufschlag, wenn der Traum in der Realität endet, kann mitunter hart und bitter sein. Und so sollte es nach Entern des Blocks und Begrüßung der Reisegruppe Trainingskiebitze auch kommen.

Nach nicht mal einer Minute hatte ich es im Paderborner Landbierurin, heute geht was. Der Schiri verweigerte dem SCP eine glasklare Ecke und traf im Laufe der Partie die ein oder andere weitere, ähh...bemerkenswerte Entscheidung, die uns besonders in der ersten Hälfte zu Gute kamen. Denn hier verteidigten wir zwar die Null, aber mehr auch nicht und mit zunehmender Dauer spielten und schossen sich die Ostwestfalen warm und setzten sich in Hansas Hälfte fest und wo wir uns zu glatt anstellten eilte der Schiri zu Hilfe und pfiff allzu temperamentvollen Vorwärtsdrang in schwarz-blau kurzerhand ab oder überreichte gelbliche Visitenkarten. Man war eigentlich nur froh, dass die ersten 45 Minuten heil überstanden waren. Zwar flaute damit die Stimmung über die Zeit ab, aber in der Halbzeit mal wieder ganz spontan, wurde fröhlich weiter geschmettert und so war der Übergang des Supports in HZ2 nahtlos. Was dabei etwas unterging war wohl eine spielentscheidende Szene, als der Stammtorwart der Paderborner behandelt werden musste und dabei wohl auch Medikamente bekam, was es ernsthaft aussehen ließ und dann durch seine Auswechselung bestätigt wurde.

Nach dem Pausentee ein kurzes Gerangel im Sitzplatzbereich, als ein paar übermotivierte Ordner einen unorthodoxen Rückwärtsgang auf einer Treppe einlegten und sich im Anschluss daran ganz und gar nicht wie besonnenes Ordnungspersonal gebärdeten. Es machte eher den Eindruck, als wollten sie gleich zu Mundschutz und Quarzhandschuh greifen, was dann aber durch herbeigeeilte Verstärkung verhindert werden konnte. Auf dem Platz versuchte Hansa nun das Spiel wieder etwas weiter weg vom eigenen Tor zu verlagern und auch mal den gegnerischen Strafraum unter die Lupe zu nehmen, was die erste Viertelstunde nur mit mäßigem Erfolg gelang. Da es jedoch machbar schien, packte Tobi mal einen feinen Ball aus der Drehung an der Außenlinie aus und schickte Micha auf die Reise, dessen Flanke der Paderborner Ersatztorwart dankenswerterweise genau mittig auf Stefan Wannenwetschs Fuß abwehrte, der mit diesem kompromisslos zur bis dahin nicht ganz in der Luft liegenden Führung einlochte. Kalt erwischt zeigte sich auch der SCP, der nun ungestüm anrannte und sich auf dankbar zu verteidigende lange Bälle verlegte, vorzugsweise auf Christian Bickel. Die beste Chance zum Ausgleich durch einen frei vor Schuh auftauchenden Stürmer kullerte jedoch exakt eine Bierflaschenlänge am Pfosten vorbei ins Aus. Beim heiligen Liborius dachte ich, dreh mal einer an der Uhr, damit wir die Geschichte hier irgendwie heil über Zeit kriegen. Aber Hansa konnte nun das machen, was man mit am Besten beherrscht, Ball verteidigen und den Richtungschalter umlegen. Die zuvor eingewechselten Cello und Kofi konnten auf Zuspiel von Stephan nach Gegenstoß eine Ecke rausholen, die Tobi mal genauso trat, wie er es auch im Training zeigen konnte. Der Torhüter blieb auf der Linie steh'n, Cello verschaffte sich und Erde Platz auf Kosten zweier Paderborner und Erde musste nicht mal hochspringen, sondern nur die Rübe in die runterfallende Murmel halten. Drin.

Paderborn gab sich danach auf, es gelang ihnen nicht mehr viel, standen im Abseits und kämpften wütend und verzweifelt gegen das sich abzeichnende Debakel an, fanden aber keinerlei Mittel mehr. Die Fans zogen dann mit einem wirklich gemeinen aber zum Zeitpunkt wirksamen Gesang dann auch dem Christian den Zahn, der dabei einen ganz merkwürdigen Blick in den Gästeblock warf. Der ganze Block war hoch erheitert und berauschte sich nun an sich selbst, ein gewaltiges hasta la vista - ole! wie in alten Zeiten warf ein Echo, dass viele selbst überraschte und man bekam folglich gar nicht genug davon. Das "Sieg!" wurde dahingehend auch getestet und die Stimmung war dann mal wieder überragend. Cello ließ sich dann in der letzten Minute in die Uffta hinein auch nicht lange bitten und bewies, dass er es doch noch kann, von der ganzen Mannschaft gefeiert ließ man dann souverän austrudeln. Kurze Aufregung dann noch vor der Paderborner Bank, als die frustrierten Gastgeber noch eine Gelb-Rote kassierten. Und dann war auf dem Rasen Schluss, die drei Hasen geschlachtet. Auf den Rängen noch lange nicht, das ganze Feierlichkeitenprogramm wurde noch ausgiebig zelebriert, als das Heimpublikum längst zu Hause den Ärger ertränkte, nachdem der Fanshopgartenzwerg schwungvoll in der Restmülltonne landete und die Schals verschämt in einer dunklen Schrankecke verschwanden. 

Über die Rückreise im Gefolge des fünfmal gefilterten Fürst Uranov gibt es nicht mehr viel zu berichten, außer das ich lieber doch in Paderborn begraben wär', als 3 Stunden nachts am Hundertwasserbahnhof in Uelzen Hof halten zu müssen. Auch das wurde überstanden und am frühen Sonnabendmorgen hatte uns die Stadt der Sieger wieder und abschließend konnte festgestellt werden, wir haben uns innerhalb von 2 Wochen tatsächlich sportlich verbessert.

 

 

 

 

 

 

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