Chancenlos vorgeführtLetztlich ist beim Spiel im Reutlinger Exil der Stuttgarter Kickers genau das eingetreten, was man zu befürchten hatte. Spielerisch absolut ohne jede Chance und kämpferisch hoffnungslos unterlegen vergeigen wir äußerst schmeichelhaft mit 0:3. Es lohnt sich kaum, die Mannschaftsteile einzeln zu betrachten oder gar bestimmte Spieler individuell zu bewerten. Einzig und allein der Tatsache, daß auch die Gastgeber zur Pause mangels Notwendigkeit den Spielbetrieb einstellen ist es zu verdanken, daß wir nicht nach Strich und Faden abgezogen und richtig böse verdroschen werden. Schade eigentlich.

Neben den drei gültigen Toren fällt noch ein weiterer Treffer, der aufgrund einer Abseitsstellung korrekterweise keine Anerkennung findet. Außerdem setzen die Kickers einen Freistoß kunstvoll an den Pfosten und Jockel fischt einen schweren, weil sehr spät sichtbaren flachen Ball. Darüberhinaus kontrollieren die Kickers das Spielgeschehen zu jeder Zeit nach Belieben, spielen flach oder hoch, schnell oder langsam, über links oder rechts oder durch die Mitte. Verlieren sie das Leder, macht das auch nichts – es ist binnen kürzester Zeit zurück. Der berühmte Zugriff aufs Spiel, er bleibt uns komplett verwehrt. Selbst Situationen, die für eine Mannschaft von Drittligaformat eigentlich keine große Bedrohung darstellen sollten, können nur durch einen beherzten langen Schlag nach vorn „geklärt" werden. Müßig zu erwähnen, daß der Ball Sekunden später wieder zurück in der verbotenen Zone ist. Beim zweiten Treffer marschiert Soriano mühelos durch unsere Vertei... Defensi... na Ihr wißt schon, die Leute, die da hinten stehen – um das Spielgerät gekonnt in die Maschen zu setzen. Jegliche physische Präsenz in den Zweikämpfen fehlt, die Kickers schütteln uns ab wie lästige Motten. Es ist ein lockeres Trainingsspiel im Schatten der Kreuzeiche, mehr nicht.

Zur Pause setze ich alles darauf, daß die Mannschaft tatsächlich Luft für 45 Minuten Vollgas hat. In der ersten Hälfte kann davon ja unmöglich irgendetwas verbraucht worden sein und vielleicht schwingt man jetzt den ganz dicken Hammer... außerdem versuche ich mich in die Lage des Trainers hineinzuversetzen. Was erzählt man seiner Elf nach so einer Vorstellung? Wie baut man sie auf und was sollte die Spieler an solch unterstützende Worte glauben lassen? (Wie man auf solche Gedankengänge kommt, keine Ahnung. Nur dazustehen und sich ratlos am Kopf zu kratzen ist mir über die Jahre scheinbar etwas zu eintönig geworden...)

Letztlich ändert sich nichts, außer, daß die Kickers wie beschrieben den Rest der Partie auf Sparflamme kochen. So kommt es zu einzelnen, dem Frust entspringenden Halbgelegenheiten (DDW, Blacha) und ansonsten zu unansehnlichem Gewürge, weil elf nicht mehr wollen und elf nicht können oder 22 nicht mehr wollen oder wie auch immer. Der Abpfiff, er gleicht vor einem inzwischen halbleeren Block einem finalen Rettungsschuß für das angefahrene Rehkitz, daß sich auf der Straße liegend vor Schmerzen krümmt.

Dieses Spiel kann es mühelos mit Auftritten wie jenem letztes Jahr in Darmstadt (0:6) aufnehmen, auch wenn das im Ergebnis nicht so deutlich wird. Und das ist das, worauf ich mit dem „schade eigentlich" zu Beginn dieses Textes hinauswollte. Es soll mir ja niemand wagen, aus der zweiten Halbzeit irgendwelche positiven Entwicklungen abzuleiten, nur weil das Debakel dank der Gnade Degerlochs nicht auch ganz offiziell zustandekam. Vielleicht hätte es eine richtig derbe Abreibung mit acht oder zehn Stück gebraucht, damit sich auch der letzte Sauhund im Kader endlich einmal ernsthaft an den Eiern gepackt fühlt, sofern diese überhaupt vorhanden sind. Selbst wenn man auf Hansa Rostock als seinen Arbeitgeber scheißt und auf die vielen Fans, die sich immer noch und immer wieder in Heerscharen jeden auch noch so garstigen Kick am Arsch der Heide reinschrauben; auf die harte Arbeit der Vorstände pfeift, die uns jedes Jahr eine Lizenz von der Stabilität eines Kartenhauses zusammenklauben, und sich einen Dreck um Diejenigen schert, deren berufliche und private Existenzen am nackten Fortbestand des Vereins FC Hansa Rostock hängt, selbst dann kann einem doch Woche für Woche die eigene Demontage nicht völlig egal sein. Zumindest nicht, wenn irgendwo in den eigenen vier Wänden ein Spiegel hängt.

Wer weg will hat jetzt die Chance, sich ohne großen Aufwand leistungsmäßig vom Rest des Kaders abzuheben. Wenn man alles gibt und es nicht reicht, okay, passiert. Von mir aus auch fünf mal am Stück. Aber die stolze Kogge über Monate quasi als Freilos über das Drittligameer treiben zu lassen, in einer Art und Weise, die es Andi Thiem problemlos ermöglicht, die gebrauchten Jerseys nach Spielschluß ohne Waschgang faltenfrei und porentief rein zurück in den Schrank zu legen, das geht zu weit.

Ein Teil von mir weigert sich standhaft zu glauben, daß die Mannschaft wirklich so ein Trümmerfeld ist wie es derzeit aussieht. Diese Weigerung vor mir selbst zu rechtfertigen fällt mir von Woche zu Woche schwerer. Der Klassenerhalt, unter den gegebenen Umständen einzig realistisches und vertretbares Saisonziel, er wird eine Herkulesaufgabe.

HANSA!

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